„Nichts ist so beständig wie der Wandel“, dieses Zitat von Heraklit ist auch im App-Markt zur Binsenweisheit verkommen. Während manche bereits das Post-App Zeitalter ausrufen, machen andere glänzende Geschäfte mit den Apps. Der Markt hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Heute dominieren wenige Apps die App Stores und rund 95 Prozent der jemals veröffentlichten Apps sind erfolglos oder über einen kurzzeitigen Achtungserfolg nicht hinausgekommen.

Ab 2010 entwickelten sich in vielen Ländern redaktionelle App-Review Angebote, die zum Teil mit viel Aufwand gute Apps vorstellten und diese ihren zahlreichen Lesern empfahlen. Dabei war ein Zugpferd die kurzzeitige Bereitstellung der empfohlenen Apps als kostenloser Download. Die Leser konnten also jeden Tag ein paar Euro sparen und erhielten dennoch gute und getestete Apps.

Die Herausgeber dieser Webseiten und später auch Review-Apps wurden zu Superstars der Szene. Jeder Herausgeber von Apps wollte sie überzeugen, dass die eigene App die Beste sei und unbedingt vorgestellt werden müsse. Wir haben zum Beispiel bei App-kostenlos in 2011 bei einer Aktion 130.000 Downloads für eine App innerhalb von 48 Stunden realisiert. Pro Monat kamen über eine Million Leser auf die Seite – jede vorgestellte App erreichte die Charts. Das weckte Begehrlichkeiten und die Email-Postfächer quollen vor lauter Pressemitteilungen und Aufforderungen zum Review schier über.

Kostenlose Apps verdrängen Premium-Apps

Doch es war auch die Zeit, als erste wagemutige App-Herausgeber begannen, ihre Apps dauerhaft zu verschenken und darauf setzten, den Nutzern zusätzliche Inhalte oder Spielgegenstände per In-App-Kauf anzubieten. Diese dauerhaft kostenlosen Apps lösten die Bezahl-Apps in der Gunst der Nutzer schnell ab. Wenn die App nichts taugte, wurde sie wieder gelöscht – man hatte ja nichts dafür bezahlt. Apps wurden zur Wegwerf-Software.

Ab 2012 änderte sich das prozentuale Verhältnis von Bezahl-Apps zu dauerhaft kostenlosen Apps mit jedem Monat stärker. Gleichzeitig sank die Bereitschaft, überhaupt Apps runterzuladen. Pro Gerät wurden und werden nur eine Handvoll Apps regelmäßig genutzt, warum also sollte ich jeden Tag eine neue App runterladen, wenn ich sie später höchstwahrscheinlich ohnehin nicht nutze?

Reviews von Apps verlieren an Einfluss (Foto: fotolia/Picture Factory)

Reviews von Apps verlieren an Einfluss (Foto: fotolia/Picture Factory)

Zudem verhielten sich die Nutzer in der Masse tatsächlich anders, als man es immer wieder in den Kommentaren lesen konnte. Behauptet wurde dort immer, dass man gerne bereit sei, fünf Euro für die Vollversion einer App zu zahlen, wenn diese auf In-App-Käufe verzichten würde. Doch tatsächlich waren die Nutzer dazu immer weniger bereit, so dass App-Herausgeber gezwungen waren, ihre Apps kostenlos anzubieten, um überhaupt Downloads zu generieren. Als Einnahmequellen kamen damit nur noch In-App-Werbung und In-App-Käufe in Frage.

Auf Android kam die Sicherheitsproblematik hinzu, da Google die neu eingereichten Apps nicht überprüft, gab es plötzlich zahlreiche App-Fälschungen, deren einziger Sinn es war, mobile Malware auf die Geräte zu bekommen, um Passwörter und persönliche Daten auszuspähen. Man hörte, dass man vorsichtig sein müsse, wenn man Apps lädt. Nicht gerade ein ideales Klima…

Einige ganz gewiefte App-Herausgeber betrogen auch die Redaktionen der Review-Seiten. Man bot ihnen an, eine App für einen definierten Zeitraum kostenlos zu machen und hob dann „aus Versehen“ den Preis an, sobald der Artikel veröffentlicht war. Oder: Man veränderte die App so, dass sie erst durch einen vorher nicht vorhandenen In-App-Kauf nutzbar wurde. Das schadete den Review-Seiten sehr, denn die Leser konnten nicht verstehen, was da passiert war. Und das passierte recht regelmäßig und beschädigte die Reputation der Review-Seiten, die sich auf die Aussagen der Publisher verlassen mussten.

Und so sank der Einfluss der Review-Seiten immer weiter. Zugleich waren die App-Herausgeber auch nicht bereit, die Seiten zum Beispiel mit Werbung zu unterstützen. Affiliate-Programme und Google Adsense bringen auf diesen Seiten kaum Ertrag, weil die Besucher sich nur schnell über die „App des Tages“  informieren und sich nicht lange auf den Seiten aufhalten. Mit dem Einstieg von facebook ins App-Marketing konnten App-Herausgeber für vergleichsweise wenig Geld nun viele Downloads generieren, so dass Aufwand und Ertrag der Review-Seiten immer weiter auseinander drifteten.

Die App-Herausgeber, die an Review-Seiten herantreten, sind zumeist die, die kein Budget haben und sich erhoffen, durch „kostenlose PR“ einen Erfolg im App Store zu schaffen. Die ständigen Kontaktaufnahmen – zum Beispiel wiederholte Anrufe durch Praktikanten –  führten auch dazu, dass sich einige App-Review-Seiten abschotteten. Manch ein App-Herausgeber verfiel bereits dem Stalking. Wir haben zum Beispiel von einem indischen App-Publisher über 100 Mails pro Tag erhalten – und das über Monate…

Parallel stiegen nun auch die großen Verlage in das „Geschäft“ mit den App-Empfehlungen ein – zum Teil auch in einer unfairen Art, da die Verlage sich die Platzierung auf ihren Seiten bezahlen lassen – ohne, dass der Leser davon Kenntnis hätte. Wir selbst haben viele Anrufe von solchen Platzierungs-Verkäufern erhalten. Mit dem eingenommen Geld wurden und werden die Seiten gepusht und beworben, so dass die klassischen Review-Seiten auf den Suchergebnisseiten von Google verdrängt wurden.

App-Empfehlungs-Apps ziehen das Geschäft weg

Ab 2011 hatte es auch eine andere Bewegung gegeben: So genannte App-Empfehlungs-Apps erschienen in allen App Stores. Sie waren kostenlos und gaukelten den Nutzern vor, redaktionell ausgewählte Empfehlungen zu bringen. Dabei sollten die Nutzer auch richtig sparen können. Doch die meisten dieser immens schnell Reichweite aufbauenden Apps waren eigentlich überhaupt keine redaktionellen Angebote. Jeder App-Publisher konnte dort Slots anmieten und für einen Tag mit seiner App der Star sein. Kosten: 25.000 Euro pro Tag und Aktion. So wurden und werden mit diesen Apps die Nutzer betrogen, denn sie wissen nicht, dass fast alle „Tipps“ in Wirklichkeit bezahlte Werbung sind. Wer als Publisher die Apps regelmäßig nutzte, konnte sich so dauerhaft in den App Store Charts festsetzen und bei cleverem In-App-Kauf-Modell die gezahlten Marketingkosten über Einnahmen vervielfachen. So wuchsen einige Strategiespiele und Aufbauspiele über diese Apps so stark, dass sie heute die App Stores dominieren und auch bei den Einnahmen weit, weit von der Masse stehen.

Doch auch die Empfehlungs-Apps haben Probleme. Apple hat mehrere von ihnen einfach aus dem App Store geworfen und auch nicht wieder reingelassen. Begründet wurde das mit Verstößen gegen die Nutzungsbedingungen, der tatsächliche Grund war aber auch, dass diese Empfehlungs-Apps die Charts definierten und somit darüber bestimmen konnten, ob eine App erfolgreich werden kann. Das hatte nichts mit Qualität der Apps zu tun, sondern allein mit der Höhe der Marketingausgaben.

Google hat den Empfehlungs-Apps das Leben ebenfalls erschwert, indem kurzzeitig gültige Preissenkungen in Google Play nicht zugelassen sind. Somit fehlt dieser Druck, eine App schnell runterzuladen, bevor sie wieder kostenpflichtig wird. Das reduziert bei den App-Push-Aktionen die Downloadzahlen – und so versuchen die Empfehlungs-Apps seit etwa drei Jahren, dauerhaft kostenlose Apps als Bezahl-Apps auszugeben, bei deren Download man sparen würde – was tatsächlich ein Betrug am Nutzer darstellt.

Verpasste Chancen der Review-Seiten

Die App-Review Seiten hätten all das auch machen können – und haben es auch zum Teil gemacht, indem sie ebenfalls Push-Aktionen oder eigene Apps angeboten haben. Die Kombination von App Store Restriktionen für Empfehlungs-Apps, das Verschwinden der Premium-Apps und die mangelnde Unterstützung durch die App-Herausgeber, also die Nutznießer redaktionell erstellter App-Empfehlungen, machen diese Art von App-Review Seiten zur aussterbenden Spezies.

Wenn nämlich vornehmlich ein journalistischer Anspruch mit der Seite verbunden ist, dann lässt sich das redaktionelle Angebot heute nicht mehr finanzieren.

Und so können wir beobachten, dass seit 2014 eine Vielzahl von Review-Seiten verschwunden ist und immer mehr Seiten, die noch im Netz aufrufbar sind, nicht mehr gepflegt werden. Allein in Deutschland hatten wir rund 150 App-Review-Seiten ausgemacht – heute sind davon gerade noch dreißig aktiv und es werden monatlich weniger.

Wir haben unsere Aktivitäten in Richtung Beratung weiterentwickelt und teilen unser seit 2009 gesammeltes Wissen und die Erfahrungen nun auch in Seminaren mit App-Herausgebern. Unsere Review-Seiten werden weiter gepflegt, sind aber zunehmend nur noch flankierend.

 

Markus Burgdorf